St. Anton am Arlberg, perfekter Winter & Old-School Boarding

St. Anton am Arlberg, das war für mich immer einer der sagenumwebenen und unerreichbaren Ziele meiner Snowboardkarriere. Weit weg und teuer. Das waren lange Zeit gute Gründe dort nicht hinzufahren. Das Kostenthema tauschte aufgrund meiner beruflichen Karriere Platz mit einem Mangel an Zeit. Meine Prioritäten für Schigebieten wechselten auch von „gross, aber voll“ zu „klein aber fein und entspannt“.

Aber so ganz hat mich der Arlberg nicht losgelassen. Eine Dienstreise nach Innsbruck am Ende einer Arbeitswoche war der Anstoss für eine Spontanaktion. Das OK zu meinem Zeitausgleichstag machte den Weg frei für einen zweitägigen Spontantrip. Mit dem Startpunkt Innsbruck war St. Anton am Arlberg nur mehr eine lächerliche Stunde weg. Und die Eisenbahn war angesichts der direkten Erreichbarkeit St. Antons und des drohenden Semesterferienbeginns das ideale Verkehrsmittel.

Meine Snowboards-Boots sprengten nahezu meinen Rucksack aber mit Müh und Not war ich dann nur mit zwei Gepäckstücken unterwegs. Das machte die Reise nahezu zur Komfortsache. St. Anton ist per Bahn in der schnellstens Version eine knappe, dafür aber geographisch berindruckende Stunde von Innsbruck und verkraftbare fünfeinhalbstunden entfernt. Um 7.00 gings von Innsbruck Richtung Arlberg los. Das Frühstück war im Zeichen der Effizienz und des aktuellen Schlafdefizits ein einfaches Picknick im Zug.

Bahnhof ganz nah am Glück

 

20180202_085950In St.Anton angekommen, gleich mal der erste positive Flash. Bist Du da aus dem Bahnhof draussen, bist Du direkt im Ort und fast schon im Schigebiet. Der Blick auf die nahe Glückseligkeit hielten mich aber auch nicht auf den kurzen Weg zu meinem Nachtquartier. Aufgrund der Kurzfristigkeit und der ausgesuchten zentralen Nahe zwecks des kurzen Gehweges wurde es ein feines aber kostenungünstiges Hotel namens Valluga. Das war auch die bisher teuerste Unterkunft im Zusammenhang mit Wintersportaktivitäten. Aber dafür war das Personal supernett und ich hatte die Gelegenheit vor meinem CheckIn und nach meinem CheckOut mein Zeug noch im Hotel zu lassen.

Damit war der Weg frei und so gings dann schon knapp vor 10.00 auf die erste Bergfahrt mit der Galzigbahn.

St.Anton Masse mit und ohne Klasse

St.Anton ist ja an sich kein grosser Ort. Die vielen Berge rundherum lassen nicht allzuviel Platz. Der ist dann aber dann schon recht intensiv genutzt. Haus an Hotel an Geschäfte und Lokalem säumen die wenigen kleinen Strassen bzw. die zentrale Dorfstrasse. Dorf ist St.Anton aber schon lang nicht mehr. Es sind auch recht viele Leute auf den Strassen unterwegs. Das Kleinteilige wurde meiner Meinung nach trotzdem beibehalten, was den Ort nicht totel überwältigend macht. An den Angeboten ist aber schon zu sehen dass in St. Anton nicht die übliche Klientel österreichischer Skigebiete unterwegs sind. Von Playstation gesponserte Hotels, Clubs die hinsichtlich ihrer optischen Aufmachung eher in gehobeneren Strandorten erwarten würde.

Die Menge der Leute finden sich dann auch auf den Pisten. Bei den modernen Liftanlagen wartet man zwar nicht so lange, aber spätestens auf den Pisten wuselt es dann schon gerne. Generell befindet sich das Schi- und Snowboardequipment der Leute auf der teureren Seite des Spektrums. Der Umgang damit tendiert aber eher am unteren Ende des Schitechnik-Levels. Ein Wunder bei der Dichte an SchilehrerInnen auf der Piste.

Old-School-Feeling galore

3,65m Schnee waren angezeigt und grösstenteils war ich auf den unzähligen Pisten auf Naturschnee unterwegs. Am ersten Tag kam ich auch recht viel herum. St.Anton ist mit seinen Tiroler und Vorarlberger Nachbarn angeblich in den Top Ten der grössten zusammenhängenden Schigebietes Europas. Und das war merkbar. Immer wieder eröffneten sich mehrere Möglichkeiten auf andere Pisten abzubiegen, in andere benachbarte Schiorte – St. Christophen, Stuben. Lech, Zürs … – herunterzufahren.

Die Pisten selber sind auch eher schmal und aufgrund der niedrigeren Temperaturen bei denen der Schnee schlechter bindet und der meist reinen Naturschneeauflage kam es schon recht früh zu einer vielerorts schnellen Buckelbildung. In Zeiten der Kunstschneeorgien in vielen Schigebiete ein seltenes Vergnügen. Die erschreckend vielen schlechten SchifahrerInnen halfen durch Abrutschen in steileren und engen Passagen freudig mit das Buckelpisten-Feeling zu verstärken.

Kombiniert mit einem recht hohen Anteil an SnowboarderInnen fühlte ich mich in Oldschool Zeiten um 2000 zurückversetzt. Gar nicht so wenige Liftanlagen – Zweier-Sessellifte, Sessellifte ohne Gondeln, Schlepplifte !!! – passten ideal dazu.

Unzählige flache Ziehwege die immer wieder auch gerne bergauf gingen, erinnerten mich an meine persönliche Snowboardanfängerhölle, in der damals jeder Verbindungsweg zur anstrengenden Board-or-Walk Prüfung wurde.

Endloses Freeride

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Schmale Pisten, viele Ziehwege in St.Anton, das erinnerte mich an Obertauern. Und ähnlich wie dort spielt die wirkliche Musik abseits der Piste. Aber hier endet schon die Ähnlichkeit. in St.Anton um Umgebung kann ich Spuren in Menge, Vielfalt und Länge ziehen wie ich es noch nie vorher erlebt habe.

Aufgrund der fehlenden Ausrüstung (kein LVS, kein Lawinen-Equipment) meines Solo-Status sowie fehlender Fitness und Übung musste ich mich recht zurückhalten. Trotzdem konnte ich soviel off-piste fahren wie in den letzten 10 Jahren zusammen. Ca 20 cm Neuschnee erleichterten das ganze.

Ein zusammengeregneter und geschmolzener Altschneeuntergrund verhinderten die perfekten Verhältnisse. Trotzdem machte es verflucht viel Spass fast überall, zu jeder Zeit von einer Piste ins Gelände fahren zu können.  Ich war nur einer unter vielen. Soviele Leute mit Pieps und Lawinenairbag-Rucksäcken habe ich noch nie in einem Skigebiet gesehen.

Alles Super? Leider nein, Meckern muss sein

Klingt perfekt? Schön wärs. Die Pisten selber haben mich in Summe nicht so überzeugt, eher schmal, mit zuviel Ziehwegen durchsetzt die nicht nur Boarder sondern auch die Schifahrerinnen zum Gehen zwingen. Die meiner Meinung nach schlechte und zum Teil unvollständige Markierung der unzähligen Pisten laden ein sich zu verfahren. Die Kombi enge Pisten + viele Leute von denen nicht wenige mit dem kontrollierten Kurzschwung auf Kriegsfuss stehen, führen zu ungewollten Adrenalinschüben.

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Was jedoch mit Abstand mein grösster Minuspunkt war: das erwartet wahnsinnige Preisniveau. Schon oft gehört und gelesen aber bis jetzt selber kaum selbst erlebt.  Der Arlberg ist sensationell überteuert. Nur die Preise der Skikarten bewegen sich wohl in den höheren Sphären, bleiben dabei aber in Tuchfühlung mit anderen, weniger exklusiven Skigebieten wie Ski Amade & Co. Der Rest der Preise ist wirklich abgehoben. Ein Paar Frankfurter um Euro 8,50 auf einer Mini-Skihütte. Ein vermeintliches Angebot eine Kuchenstückes mitten in St. Anton. Ein kleines Bier an der offenen Apres-Skibar jenseits der Fünf-Eurogrenze. Da passt für mich das Preis-Leistungs-Verhältnis hinten und vorne nicht. Kein Wunder dass ich soviel Leute wie noch nie an Broten oder Müsliriegeln kauend in Gondeln oder am Sessellift sah.

Voll ausgepowert habe ich das selbst ausgetestet. Ein Skiwasser, eine Montafoner Gerstensuppe, ein Laugenbrezerl und ein Cappucino – knappe € 22. Okkasion war das beileibe keine. Ein exklusives Erlebnis hatte ich dabei trotzdem. Weil das laut Karte begleitende Hüttenbrot aus war, bekam ich einen scharf kalkulierten Ersatz – eine halbe Semmel. Schmäh?

 

Leider nein – hier das Beweisfoto:

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Meine „Rache“ – der Nachbar meine Hotels – der Billa von St. Anton war von dem Moment an der einzige der von mir foodmässig profitierte.

Trotzdem geil – so muss Winter sein

Doch das bissi Meckern konnte mir zwei geile Tage nicht vermiesen. Landschaftlich und geländemässig ist der Arlberg einfach sensationell. Wenn Du egal auf welcher Piste, egal in welchem Hang abseits der präparierten Abfahrten immer noch Hänge ober, unter und neben Dir siehst. Wenn rund um Dich nur Berge sind die immer noch höher als Dein Standpunkt sind. Wenn Du die ganze Bandbreite an möglichen Schneeformationen siehst, dann weisst Du wieder wie Winter sein muss und wie klein Du im Vergleich dazu bist. Und wie privilegiert mitten drinnen Deinen Spass haben zu können. Ich bin froh dass ich spontan zwei Tage genutzt habe um eines meiner -insgeheim schon abgeschriebenen Ziele – zu erreichen.

Impressionen

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Written by Manuel

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